Billie Holiday: Die Frau mit mythischen Zügen

ISERLOHN. Erfolg. Absturz. Aufmerksamkeit. Gefängnis. Höhen. Tiefen. Drogen und ganz viel Musik. Das ist die musikalische Hommage an die Sängerin Billie Holiday von Torsten Fischer und Herbert Schäfer, die im Iserlohner Parktheater gastierte. Sie beleuchtet das kurze Leben der Jazz-Ikone (1915-1959).

„Sind heute Abend irgendwelche Nigger hier?“, ruft Schauspieler Nikolaus Okonkwo in die Menge. „Na? Ich weiß das, einer steht auf der Bühne, das bin ich!“, so beginnt Blue Moon im Parktheater Iserlohn. Sona MacDonald spielt die Jazz-Ikone Billie Holiday in dem Hommage-Stück an ebendiese Sängerin.

Nikolaus Okonkwo moderiert den Abend und schlüpft in multiple Rollen, die des Erzählers, die ihrer Liebhaber oder Misshandler. Er ruft weiter: „Ein Wort ist erst gefährlich, wenn es unterdrückt wird. Wenn jeder jeden Nigger nennt, hat das Wort irgendwann keine Bedeutung mehr.“ Von Anfang an ist klar, dieses Stück thematisiert Rassismus, denn damit hat Billie als Tochter eines Streuners und eines Hausmädchens ihr ganzes Leben lang zu kämpfen.

Doch zunächst wird ihre Brillanz als Sängerin gezeigt. Der Vorhang geht auf und zum Vorschein kommt die Bühne, die sich an diesem Abend in einen New Yorker Ballroom der 40er und 50er Jahre verwandelt. Billie, gehüllt in ein silbernes Glitzerkleid, musiziert mit ihrer Band bestehend aus Piano, Kontrabass, Schlagzeug, Klarinette und Saxophon. Sie spielen Jazz und Blues vom Feinsten. Schauspielerin Sona MacDonald singt die Songs von Billie Holiday und erweckt sie so auf ihre ganz eigene Art wieder zum Leben. Nikolaus Okonkwo beschreibt Billies unvergleichbaren Stil im Stück so: „Sie pumpt mit ihrem rechten Ellenbogen und tappt mit dem linken Fuß auf den Boden, als wolle sie etwas kaputt treten“. Und das tut sie und sieht dabei elegant aus, wie keine andere. Doch schnell wird dem Zuschauer auch die Schattenseite der schimmernden Welt der Ballrooms gezeigt. Billie trinkt viel Alkohol, raucht und zieht mal eben ein Tütchen Koks aus ihrem Schuh.

Hure, Junkie und Diva

Der Zuschauer sieht Billie in verschiedenen Kleidern und verschiedenen Verfassungen. Nikolaus Okonkwo als Erzähler beschreibt sie als eine Frau mit mythischen Zügen, deswegen passe Jazz so gut zu ihr, denn er sei eine Kunst des Ungenauen „da muss nicht alles schimmern“. Die Zuschauer im Parktheater erfahren, dass Billie mit zehn Jahren zum ersten Mal vergewaltigt wurde, dass sie als Zimmermädchen als Niggerin beschimpft wurde, daraufhin kündigte und dann Hure wurde: „Bordelle sind die einzigen Orte, wo Weiße und Schwarze sich fast gleich begegnen konnten“, erzählt sie, obwohl sie auch schon verhaftet, wurde, weil sie den Sex mit einem „fetten weißem Mann verweigerte“.

Die Schauspielerin singt Billies Lieder und erzählte ihre Liebesgeschichten, doch kreiert dabei ihre ganz eigene Billie Holiday. Sie probiert, die Künstlerin nicht zu kopieren. Ihre Stimme ist auch heiserer als die der Billie Holiday. Zudem interpretiert Sona MacDonald ihre Rolle sehr extrem, da hauptsächlich die Ausnahmesituationen der Sängerin gespielt werden. Doch gerade dieser extreme Ausdruck zeigt die Tragik: Billies hat im Alltag viel zu tun, denn sie steht auf und raucht Opium, gönnt sich einen Joint, spült Pillen mit Bier runter, setzt sich einen Schuss Heroin und gönnt sich dazu einen Scotch. Dennoch ist sie nie krank oder hat Probleme mit der Stimme. Doch dann folgt eine Anklage auf Drogenbesitz und Import. Billie gesteht ohne Anwalt und muss für ein Jahr und einen Tag ins Gefängnis gehen. Danach ist sie mittellos und hat Auftrittsverbot in allen New Yorker Clubs mit Alkoholausschank.

„Sie hat es geliebt zu leiden, weil sie nicht wusste, was Liebe ist.“

Irgendwann wird Billie von John Levy (Nikolaus Okonkwo) aufgegabelt, der ihr einen Job in seinem Club verschafft. Er kauft ihr Kleidung und eine voll eingerichtete Wohnung. Besorgt ihr ein Auto mit Chauffeur, jedoch kein Bargeld, denn das gehöre sich nicht für Frauen, findet er. John wird ihr Erster von drei Ehemännern. Doch auch ihre Männer, alle gespielt von Nikolaus Okonkwo, bringen ihr kein Glück. „Sie hat es geliebt zu leiden, weil sie nicht wusste, was Liebe ist“, sagt Okonko als Erzähler. Billie wird erneut heroinabhängig und lässt sich ins Krankenhaus einweisen. Dort wird ihr Blut mit Traubenzucker gereinigt, doch dann besorgt ihr eine Krankenschwester wieder Stoff. Ein Teufelskreis.

Doch das Stück Blue Moon, beleuchtet nicht nur Sucht, sondern auch zwei sehr unterschiedliche Seiten New Yorks. Billie stellt fest: „Im Harlem ist eine Nutte eine Nutte, ein Arschloch ein Arschloch und ein Schwuler und Schwuler. In Downtown eine Nutte eine Dame der Gesellschaft, ein Schwuler ein Playboy und Arschloch hatte eine schwere Beziehung hinter sich.“ Sie erzählt auch von ihren Demütigungen: „Ich darf keine Toiletten nutzen, weil ich schwarz bin, ich muss den Hintereingang nehmen, wenn ich in einem Club auftrete und im Hotel sagt man mir: ,Hier waren noch nie Schwarze´.“

Billie Holiday: Die Ausnahmekünstlerin

Billie Holiday selbst stirbt im Alter von 44 Jahren im Krankenhaus mit Geld an die Beine geklebt und umzingelt von Polizisten, die sie erneut wegen Drogen verhaften wollten. In ihren letzten Jahren musste man ihr von der Bühne helfen. Ihre Stimme versagte. Sie lallte und sprach mehr, als das sie sang. Schließlich vereinsamte sie.

Nach Billies Tod im Stück schreit Nikolaus Okonkwo: „Wo bleibt die Entschädigung für all den Dreck?“ und lässt die Zuschauer nachdenklich zurück. Nachdem der Vorhang gefallen ist, geht er aber nochmal auf und Sona MacDonald singt Holidays Song Blue Moon: So bleibt Billie Holiday auch nach ihrem Tod in Erinnerung, als die Ausnahmekünstlerin, die sie war. Dem Stück ist es gelungen, das zu zeigen und ebenso die tragischen, ungerechten Umstände ihre Zeit.

veröffentlicht von: Maerkzettel, Melina Seiler, 6. Fachsemester (Journalismus und Unternehmenskommunikation B.A.)

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