Jini Meyer und Band – „Das Konzert war mein absolutes Highlight in diesem Jahr“

Live-Konzerte trotz Corona, bis vor kurzem noch kaum denkbar. Aber wie ist das für die Künstler? Und wie war das in diesem – für die Branche so schwerem – Jahr generell? Jini Meyer hat ihre Erfahrungen mit uns geteilt, im Interview mit MAERKZETTEL.

ISERLOHN. Jini Meyer – die ehemalige Luxuslärm Frontsängerin und jetzige Solokünstlerin und Gesangslehrerin – war am 18.10.2020 Live im Parktheater und durfte dort auf ihrer Heimatbühne endlich wieder ein bisschen Normalität spüren, wenn auch mit einem maskierten Publikum und Plexiglasscheiben. Davon war aber mit Beginn des Konzertes nichts mehr zu spüren. Corona für zwei Stunden (fast) vergessen und frei sein. Unter dem Motto ,,Frei sein“ stand auch das Konzert, aber im Künstleralltag war 2020 kein freies und auch kein leichtes Jahr.

MAERKZETTEL: Wie war dieses Jahr für Dich?

Jini Meyer: Dieses Jahr war eine turbulente Achterbahnfahrt, von himmelhochjauchzend bis zum Tode betrübt. Es war für uns als Musiker tatsächlich wohl eines der schwierigsten Jahre, die man so in den letzten 20, 30, 40 Jahren erlebt hat und das was natürlich fehlt: unsere Leidenschaft ausüben zu können.

MAERKZETTEL: Was fehlt Dir gerade am Meisten?

Jini Meyer: Auf der Bühne zu stehen, den Kontakt zu den Leuten zu haben. Einmal dieser soziale Aspekt und was uns natürlich auch ganz hart trifft ist der finanzielle Aspekt, dass man sagt: wir wissen nicht wie es weiter geht. Die Hilfe vom Staat ist auch nicht so da, wie wir uns das erhofft hatten, weil es dann heißt, ihr seid nicht systemrelevant. Das kann man jetzt sehen wie man will. Ich finde, dass genau sowas sehr systemrelevant ist. Wenn Kultur nicht mehr systemrelevant ist, dann weiß ich auch nicht weiter und das hat uns alle in eine Schockstarre versetzt.

MAERKZETTEL: Wie ist es dann für Dich und für Euch wieder auf die Bühne zu dürfen?

Jini Meyer: Allen Musikern – mit denen ich zu tun habe – geht es natürlich genauso wie es uns als Band geht. Da freut man sich über jeden einzelnen Tag, an dem ein Konzert stattfinden kann. Wenn natürlich auch mit Corona-Beschränkungen, mit Abstand und mit Masken. Du hast nicht mehr diese volle Energie, die du dann normalerweise hättest, wenn du stagediven darfst und dich ins Publikum fallen lassen kannst, wie es oft auf Tourneen passiert. Trotzdem: die Freude ist da, auch wenn es plötzlich etwas ganz anderes ist, weil du die Gesichter nicht mehr siehst.

MAERKZETTEL: Dann sind Dir dieses Jahr bestimmt auch einige Termine geplatzt oder?

Jini Meyer: Mir sind dieses Jahr zwei komplette Tourneen weggebrochen, eine Rock ´n Roll Tour und eine Akustiktour. So geht es dann natürlich auch allen Musikern. Ich kann von Glück reden, dass ich noch Gesangsunterricht geben kann. Von März bis Mai habe ich das ganz viel auf Skype gemacht. Meine Schüler haben super mitgezogen und ab Mai durfte ich wieder face-to-face unterrichten, natürlich mit sehr großem Abstand und mit vielen Auflagen, aber es hat funktioniert. Allein das hat so gut getan! Meine Schüler wieder zu sehen, zwar nicht zu umarmen, aber ihnen wenigstens in die Augen zu schauen und zu fragen: Hey, wie geht´s dir? Das hat mir sehr viel gegeben.

MAERKZETTEL: War das dann bei dem Auftritt gerade dasselbe Gefühl? Dieses: endlich wieder?

Jini Meyer: Das Konzert hier im Parktheater war mein absolutes Highlight in diesem Jahr, einfach weil wir sowas das ganze Jahr nicht hatten. Man hat sich so sehr danach gesehnt, dass man auch wieder gemeinsam mit fünf Personen auf einer Bühne stehen kann. Ich habe zwischenzeitlich Duo-Jobs gemacht, das heißt mein Gitarrist und ich mit Abstand auf der Bühne, wie zum Beispiel in Kaiserslautern. Aber das waren zwei bis drei Auftritte und normalerweise spielen wir so 50 Shows im Jahr. Deswegen sag ich auch Achterbahnfahrt. Ich bin ein sehr positiver Mensch, aber das hat auch mich ganz schön getroffen und mir die Füße vom Boden weggezogen. Aus diesem Grund war dieser Abend auch so wichtig: für die Seele, für´s Herz, für die Stimme und für die Stimmung.

MAERKZETTEL: Das hat man definitiv gemerkt, bei der Energie und Stimmung, die vorhin im Saal war.

Jini Meyer: Es freut mich, wenn es auch so rübergekommen ist. Dass das Publikum trotz Maske meine Energie spürt und dass ich dann auch etwas zurückbekomme. Es war wie einmal die eigenen Akkus aufladen. Wer weiß wann es mal wieder so sein wird und das ist mir auch während des Konzertes sehr bewusst geworden. Da geht es auch nicht darum – was uns ja oft vorgeworfen wird – dass wir süchtig nach dem Applaus seien. Sondern dass es wirklich für uns existenziell ist, sowohl finanziell, als auch für die Seele.

MAERKZETTEL: Du hattest am Anfang erwähnt, dass Du Dir mehr Hilfe vom Staat für Deine Branche wünschst. Als kleiner Abschluss dieses Interviews: Wenn Du es Dir wünschen könntest, wie sähe diese Hilfe aus?

Jini Meyer: Ich habe noch meinen Unterricht, aber ich würde mir wünschen, dass für all die, für die alles weggebrochen ist, sofort ein Grundgehalt eingerichtet wird und man sagt: damit könnt ihr erstmal eure Familie ernähren. Wir Musiker kennen es alle, dass man mal sagt: der Monat war Mau, da hab ich nicht so viel gespielt. Aber das über ein Jahr zu halten und wer weiß wie lange uns das noch betrifft, ist schwer. Dadurch habe ich ganz, ganz viele tolle und talentierte Musiker fallen gesehen und damit meine ich wirklich Konkurs anmelden zu müssen oder noch schlimmer, dass sie es in diesem Leben nicht mehr ausgehalten haben und das funktioniert so nicht. Wir müssen unsere Künstler, unsere Kunst und unsere Kultur schützen. Das ist ganz wichtig, unbedingt, denn sonst geht alles vor die Hunde. Da gibt es natürlich noch ganz andere Branchen denen es auch so geht, aber das bezieht sich erstmal auf diese Branche. Wenn ich den Wunsch frei hätte, würde ich mir diese Unterstützung durch ein Grundgehalt für die Musikbranche sofort wünschen.

VERÖFFENTLICHT VON: MAERKZETTEL, Assia Karnbach, 4. Fachsemester (JOURNALISMUS UND UNTERNEHMENSKOMMUNIKATION B.A.)